Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Rodduxt
1
Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: Frauen
RŌdduxt, Prinzessin [duxš], Tochter der AnŌšag [ŠKZ I 18]B:
ŠKZ: mpI 26: W - lwdwhty ZY dwhšy ZY <nwšky BRTE = ud RŌdduxt ī duxš ī AnŌšag duxt; paI
21: rwddwhtyE BRBYTE <nwškyE BRTY = RŌdduxt wisduxt AnŌšag duxt; grI 49/50:
??? ????????? ?<??>??? ????????? ???????? ? Übers.: mp. und RŌdduxt, der Prinzessin, der Toch-
ter von AnŌšag; pa. RŌdduxt, der Prinzessin, der Tochter von AnŌšag; gr. und RŌdduxt, (die) Prin-
zessin, (die) Tochter (der) AnŌšag.P:
Als einzige Quelle überliefert die Šābuhr-Inschrift den Namen der Prinzessin RŌd-
duxt
1
, Tochter der AnŌšag [ŠKZ I 18]. In seiner Genealogie hat ihr der Großkönig
Šābuhr I. den 18. von insgesamt 29 Rängen zugewiesen. Durch ihren Titel mp.duxš, pa. BRBYTE/wisduxt, gr. ?????? Prinzessin, ist sie ohne Zweifel als Angehö-
rige der großköniglichen Familie ausgewiesen. Bemerkenswert ist, daß sie allein
unter den 16 aus der Šābuhr-Inschrift bekannten Frauen den Titel Prinzessin
2
trägt.
In der Šābuhr-Inschrift sind RŌdduxt und die ihr folgende Warāzduxt [ŠKZ I 19],
Tochter der X
w
ar(r)ānzēm [ŠKZ I 9 und 19], die einzigen Frauen, die sich alleindurch ihre Mütter für die Aufnahme in die Familie des Großkönigs qualifiziert haben.
Diese Tatsache ist als Besonderheit anzusehen, da in allen andere Fällen die Ab-
stammung vom Vater eigens erwähnt wird. Der Bezug auf den Vater gilt nicht nur als
ehrenvoll, sondern auch als ausschlaggebend für die protokollarische Rangord-
nung
3
.

1
Zum Namen RŌdduxt s. M.Back, SSI (1978) 254, Nr. 293. - Ph.Gignoux, Noms propres sassanides
en moyen-perse épigraphique (1986)154, Nr. 814. - Ph.Huyse, ŠKZ 2(1999) 122.2
Während die Lesung von RŌdduxts Namen und Titel in der mittelpersischen und parthischen
Version keine Schwierigkeiten verursachte, war die Deutung der griechischen Version unklar:
?????????????? Durch die geringfügige Veränderung des Buchstabens ? in ? gelang
E.Benveniste eine plausible Lösung des Problems: aus ????????????? wurde
????????? ??????? Der griechische Übersetzer der Inschrift hat auf der Suche nach einem geeigneten
Äquivalent für mp. duxš und pa. BRBYTE/wisduxt das griechische Wort ?????? Mädchen (von hohem
Rang) im Sinnne von Prinzessin eingesetzt: s. E.Benveniste, Titres et noms propres en Iranien
ancien (1966) 39ff. - s. auch J.Harmatta, Sino-Iranica (1971) 129f.3
Die Enkel und Enkelinnen Šābuhrs I. auf den Rängen ŠKZ I 21-29 sind in derselben Reihenfolge
plaziert wie ihre Väter in der ersten Liste der Nachkommen des Großkönigs [ŠKZ I 2 - I 4):
→Ormezd-Ardašīr (Kronprinz), →Šābuhr
, König von M→šŌn und ēNarseh, König der Saken.
2
RŌdduxts Stellung in der großköniglichen Familie hat in der wissenschaftlichen Dis-
kussion zu unterschiedlichen Meinungen geführt. W.B.Henning
4
erkannte in RŌdduxt
die Enkelin des Narseh, die Tochter von AnŌšag und dem König von Hatra
5
. Daß es
sich hier nicht um den Prinzen →Narseh [ŠKZ I 17]
der Šābuhr-Inschrift handeln
kann, wie F.Justi, M.Sprengling und W.B.Henning
6
annahmen, erklärt sich aus dem
historischen Umfeld, da ºabarī und Dīnawarī diese Ereignisse zeitversetzt in die Ära
Šābuhrs II. transponierten
7
. A.Maricq
8
hielt daher eine Identifizierung der Prinzessin
RŌdduxt mit der Tochter des Königs von Hatra für nicht gerechtfertigt. Ferner kann
die Eroberungsgeschichte Hatras wegen ihrer legendenhaften Züge und dem häufi-
gen Namenwechsel ihrer handelnden Personen im Laufe ihrer Überlieferungsge-
schichte in der arabischen und persischen Literatur nicht als historische Quelle an-
gesehen werden. M.L.Chaumont
9
sah in RŌdduxt und der ihr folgenden Warāzduxt
zwei illegitime Töchter Šābuhrs I. Diese Einschätzung ist schwer nachvollziehbar, da
solche Personen wohl kaum in der offiziellen Genealogie des Großkönigs ihren Platz
hätten. Außerdem ist festzuhalten, daß beide Persönlichkeiten von ihrer Herkunft her
nicht zu vergleichen sind. RŌdduxt, die als Prinzessin der Warāzduxt vorangeht, ist
Tochter der AnŌšag, einer anderweitig nicht bekannten Frau. Obgleich AnŌšag für
RŌdduxt das Bindeglied zum Königshaus herstellt, steht die Tochter durch ihre kö-
nigliche Abstammung protokollarisch auf einem höheren Rang als ihre Mutter.
Warāzduxt dagegen, die sich überraschenderweise durch keinen Titel auszeichnet,
ist Tochter der Königin des Reiches X
w
ar(r)ānzēm [ŠKZ I 9]. Warāzduxts fehlender
Titel dürfte daraufhin deuten, daß sie
10
nicht aus einer Ehe der X
w
ar(r)ānzēm mit
Ardašīr I. stammt. Von daher ist es wohl eher angebracht, von zwei Vätern unter-
schiedlichen Ranges zu sprechen.
Da RŌdduxts Epitheton, "Tochter der AnŌšag", keine weiteren Schlußfolgerungen
über eine genauere Stellung innerhalb des Königshauses erlaubt, ist es notwendig,
die Personen ihres Umfeldes näher zu betrachten. Die Gliederung der Genealogie
Šābuhrs I. in einzelne Abschnitte mit sich abstufenden Verwandtschaftgraden gibt
wichtige Aufschlüsse über die einzelnen Personengruppen und kann in Zweifelsfäl-
len eine genauere Zuordnung zur großköniglichen Familie erleichtern. Nach der Fa-
milie des Königs →Narseh [
ŠKZ I 4] von Hind(estān), Sagestān und Tūrān, beginnt
ein neuer Abschnitt mit Angehörigen der Familie →Ardašīrs I. [ŠKZ I 8]: der Prinzes-
sin RŌdduxt voran geht Prinz →PērŌz [ŠKZ I 15], ein Bruder Šābuhrs I., gefolgt von
→*MurrŌd [ŠKZ I 16], der Frau Ardašīrs I. und Mutter Šābuhrs I. Ob Prinz Narseh
[ŠKZ I 17] ebenfalls als Bruder Šābuhrs I. gelten kann, wird von einigen Forschern
11
angenommen, ist aber nicht gesichert. So könnte es naheliegend sein, daß RŌdduxt

4
Notes on the great inscription of Šāpūr I (1954) 46f.
5
at-Tabarī, Annales. Recens. J.Barth et Th.Nöldeke, I(1881) 827f. - s. Th.Nöldeke, Tabari (1879) 36
und Anm. 1. - The History of al-ºabarī. Transl. and annotated by C.E.Bosworth (1999) 33.
6
F.Justi, NB (1895) 222, Nr. 10. - M.Sprengling, Shahpuhr I, the Great on the Kaabah of Zoroaster
(KZ) (1940) 393. - W.B.Henning, ibid. 46.
7
s. dazu →Narseh, Prinz [wispuhr] [ŠKZ I 17] Anm. 3.
8
A.Maricq, Res Gestae Divi Saporis (1958) 334: "...l"identification proposée par M.Henning devient
fort hasardeuse. Nous sommes en pleine légende"; 335.
9
A propos de quelques personnages féminins figurant dans l"inscription trilingue de Šāhpuhr I
er
à la
"Ka>ba de Zoroastre" (1963) 197f.
10
s. Warāzduxt S. 2.
11
s. Anm. 6.
3
in die Familie Ardašīrs I. eingeordnet werden und als Tochter Ardašīrs und
Schwester Šābuhrs I. gelten muß.
L:
Quellen:
ŠKZ: M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran 1978. (AcIr.18.) - Ph.Huyse,
Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der Ka
>ba-i Zardušt (ŠKZ). Bd 1-2. London 1999.(CII P.III,
1,1, 1-2.)
a
'-$abarī: at-Tabari, Annales quos scripsit Abu Djafar Mohammed Ibn Djarir at-Tabari cum aliis
edidit M.J. de Goeje. Prima series. II. Recensuerunt J.Barth et Th.Nöldeke. Lugduni Batavorum
(1881) 827f. - Editio photomechanice iterata. Lugduni Batavorum 1964. - Th.Nöldeke, Geschichte
der Perser und Araber zur Zeit der Sasaniden. Aus der arabischen Chronik des Tabari, übers. und mit
ausführlichen Erläuterungen und Ergänzungen versehen von Th. Nöldeke. Leyden (1879) 36 und
Anm. 1. - Repr. Graz 1973. - Engl. Übers.: The History of al-
$abarī (Ta<rīkh al-rusul wa<l-mulūk):
The Sāsānids, the Byzantines, the Lakhmids, and Yemen. Transl. and annotated by C.E.Bosworth.
Albany, N.Y. (1999) 33. (The History of al-
$abarī.V.)
Name/Titel:
M.Sprengling, Shahpuhr, the Great on the Kaabah of Zoroaster(KZ). In: AJSLL 57(1940) 393. -
W.B.Henning, Notes on the great inscription of Šāpūr I. In: Prof. Jackson Memorial Volume. Bombay
(1954) 46f. - Ebenf. abgedr. in: Selected Papers. Leiden 2(1977) 421f.(AcIr.15.) - A.Maricq, Res Ge-
stae Divi Saporis. In: Syria 35(1958) 334. - Ebenf. abgedr. in: Classica et Orientalia. Paris (1965) 76f.
(Institut Français d"Archéologie de Beyrouth. Publication hors série.11.) - M.L.Chaumont, A propos
de quelques personnages féminins figurant dans l"inscription trilingue de Šāhpuhr I
er
à la "Ka>ba de
Zoroastre". In: JNES 22(1963) 197f. - E.Benveniste, Titres et noms propres en iranien ancien. Paris
(1966) 39ff. (Travaux de l"Institut d"Etudes Iraniennes de l"Université de Paris.1.) - J.Harmatta, Sino-
Iranica. In: AAntHung 19(1971) 113-47; hier: 129f. - M.Back, SSI (1978) 254, Nr. 293. - Ph.Gignoux,
Noms propres sassanides en moyen-perse épigraphique. Wien (1986) 154, Nr. 814. (IPNB II, 2.). -
Ph.Huyse, ŠKZ 2(1999) 122 (mit zahlreichen Literaturhinweisen).