Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Ohrmezd
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Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: Frauen
Ohrmezd, Hauptschreiber [dibīrbed],
[Turfanfrgm.] [ŠKZ IV 46]
B:
Turfanfragment M 267b und M 314(pa.): (25) <w¨ <(c) (26) [Á<bwhr] (Á<)[h](<n) Á(<)h (27)
[ + 1/2 ] <br hw /R/ii (1) phrgb<nyft 00 <w¨ hm <c (2) pyrwz xwd<y u <whrmyzd dbyrbyd =
(25) Und vom (26)(König der Könige) [Šābuhr] (27)[kam ein Brief](?), der seine (1) Schutzbewachung
betraf, und ebenfalls von (2) PērŌz, dem Herrn, und Ohrmezd, dem Obersten Schreiber. In: W. Sun-
dermann, Mitteliranische manichäische Texte kirchengeschichtlichen Inhalts (1981) 105-08, Nr.
11.2. (hier: 106). - id., Studien zur kirchengeschichtlichen Literatur III (1987) 56ff.
ŠKZ: mpI 34: hwrmzdy ZY dpyrpt BRE hwrmzdy ZY dpyrpt = Hormezd ī dibīrbed, pus Hormezd ī
dibīrbed; paI 28: <hwrmzd dpyrpty = Hormezd dibīrbed; grI 65:
????????? ???? ?????????????????
Übers.: mp.: [für] Hormezd, den Hauptschreiber, den Sohn des
Hormezd, des Hauptschreibers; pa. und gr.: Hormezd, den Hauptschreiber.P:
Die Turfanfragmente M 267b und M 314 berichten von einer Aktion dreier hochge-
stellter Persönlichkeiten zugunsten des Religionsstifters →Mānī. Ihre Aufgabe be-
stand darin, Schutzbriefe für Mānī an hochrangige Persönlichkeiten zu entsenden,
um ihm und seinen Anhängern ein ungehindertes Auftreten und Missionieren im
Sāsānidenreich zu ermöglichen. Zu diesen drei Persönlichkeiten gehörte neben dem
Großkönig →Šābuhr I. auch sein Bruder →PērŌz [ŠKZ I 15], der hier nicht den Titel
wispuhr, Prinz, trägt, sondern als x
w
adāy, Herr, im Sinne von Inhaber eines Herr-
schaftsbereiches, vorgestellt wird. Der dritte Partner war der dibīrbed (Hauptschrei-
ber/Kanzleichef) Ohrmezd
1
.
Daß es solche Schutzmaßnahmen zugunsten Mānīs wirklich gegeben hat, bestätigt
die im Fihrist des Ibn an-Nadīm
2
überlieferte vita Mānīs. Auf Mānīs Bitte hin ver-
spricht Šābuhr I. dem Religionsstifter einige Vergünstigungen zu gewähren: dazu
gehörte auch die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und ungestörte Missionstä-
tigkeit im Sāsānidenreich.
1
Zum Namen des Ohrmezd s. F.Justi, NB (1895) 7f. s.v. Ahura-mazdāh. - M.Back, SSI (1978) 194f.,
Nr. 63a. - Ph.Gignoux, Noms propres Sassanides en moyen-perse épigraphique (1986) 98, Nr. 448;
137f., Nr. 702. - Ph.Huyse, Zum iranischen Namengut in Dura-Europos (1988) 27.2
Kitāb al-Fihrist. Hrsg. von G.Flügel 1(1871) 328. - The Fihrist of al-Nadīm. Ed. and transl. by
B.Dodge 2(1970) 776. - G.Flügel, Mani, seine Lehre und seine Schriften (1862) 52 (arab. Text); 85
(dt. Übers.); im Commentar 172.
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Auch die koptische Überlieferung bestätigt die Existenz von Schutzbriefen
3
Šābuhrs
I. zugunsten Mānīs: aus den manichäischen Homilien ist ein Gespräch Mānīs mit
→Wahrām I. bekannt geworden, in dem er sich rühmt, stets ein gutes Verhältnis zu
den beiden vorangehenden Königen gehabt zu haben. Dabei verweist er auf die
Schutzbriefe Šābuhrs I. und auf die Wohltaten seines Nachfolgers →Hormezds I.
Aus den Turfanfragmenten geht hervor, daß der dibīrbed
4
Ohrmezd in seiner Funk-
tion als Kanzleichef ein hohes Ansehen im ganzen Reich besessen haben muß.
Auffallend bei der Aktion zugunsten Mānīs ist die Nähe des Hauptschreibers Ohr-
mezd zu Šābuhr I.; sie bestätigt eindeutig Ohrmezds herausgehobene Rolle bei
Hofe. Seine Stellung befähigte ihn, solche Schutzbriefe nicht nur zu verfassen, son-
dern auch in seinem eigenen Namen zu signieren.
Unter den drei königlichen Schreibern der Ära Šābuhrs I., befindet sich auch ein di-
bīrbed mit Namen → Hormezd [ŠKZ
IV 46], Sohn des dibīrbed Hormezd. Hervorzu-
heben ist, daß sein Patronymikon allein in der mittelpersischen Version angegeben
ist, in der parthischen und griechischen Version fehlt es dagegen. Ob hier nur ein
Flüchtigkeitsfehler vorlag, oder die parthische Version maßgeblich für die griechi-
sche Übersetzung war, bleibe dahingestellt. Beruf, Stellung und Namensgleichheit
berechtigen durchaus zu einer Identifikation
5
der beiden Kanzleichefs. Dieser Sach-
verhalt bestätigt zugleich die Historizität des dibīrbed Ohrmezd in der Šābuhr-In-
schrift. Es bleibt jedoch zu fragen, wer von den beiden Hormezd, der Vater oder der
Sohn, mit dem Ohrmezd der Turfanfragmente als Förderer Mānīs zu identifizieren
ist. Diese Frage kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. W.B.Henning
6
spricht
sich für Ohrmezd, den Vater, als Förderer Mānīs aus. Henning ist der Meinung, daß
der ältere Ohrmezd zum Zeitpunkt der Missionsreisen Mānīs in den vierziger Jahren
des 3. Jahrhunderts am Hofe Šābuhrs I. gewirkt habe. Für diese These spricht, daß
die Redaktion der Šābuhr-Inschrift ca. 20 Jahre nach den bekannten Missionsreisen
Mānīs anzusetzen ist. W.Sundermann
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dagegen sieht in Ohrmezd, dem Sohn, eher
den Förderer Mānīs, da er "ausdrücklich als ein Würdenträger" der Ära Šābuhrs I.
erscheint.
Es dürfte angebracht sein, an dieser Stelle den Berufsstand des dibīr bzw. des dibīr-
bed näher einzugehen. Der Berufsstand des Schreibers leitet sich ab von der Jahr-
hunderte alten Tradition des Schreiberberufes in Mesopotamien. Sie setzte sich fort
in achaimenidischer Zeit und wurde auch von den Sāsāniden übernommen. Wie die
Šābuhr-Inschrift zeigt, gab es in diesem Berufsstand eine eigene Hierarchie mit
unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Am Beispiel der bekanntesten Schreiber des
3. Jahrhunderts im Sāsānidenreich sollen ihre Tätigkeiten beleuchtet werden. Welch

3
Manichäische Homilien. Hrsg. von H.J.Polotsky (1934) 48,2ff.
4
A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the pre-Islamic period. In: EncIr VI(1993) 534-37. - E.Khurshudian, Die
parthischen und sasanidischen Verwaltungsinstitutionen (1998) 159ff. - Zur Etymologie des Titels s.
H.H.Schaeder, Esra der Schreiber (1930) 47f. - Ph.Huyse, a.O. 2(1999) 139ff.
5
W.B.Henning, Neue Materialien zur Geschichte des Manichäismus (1936) 9. - id., Notes on the
great inscription of Šāpūr I. (1954) 54. - W.Sundermann, Studien zur kirchengeschichtlichen Literatur
III (1987) 57; hier folgert W.Sundermann zu Recht: "Jedenfalls besteht kein zwingender Grund für
Hennings einstige Annahme , der Ohrmezd des man. Textes sei ein Schreiber des PērŌz gewesen"
[Henning, a.O. (1936) 9.].
6
W.B.Henning, ibid. (1954) 54: "The Dapīrpet Ohrmizd (line 33), whose son Ohrmizd is enumerated
immediately before himself, was known from a Manichaean fragment, ..."
7
W.Sundermann, a..O. (1987) 57.
3
hohe Position schon ein dibīr besaß, beweist der Schreiber →Afsā [ŠVŠ], dessen
finanzielle Mittel es erlaubten, für Šābuhr I. ein Denkmal mit dazugehöriger Inschrift
zu erstellen. Der Schreiber →Aštād [ŠKZ
IV 56] war für die königliche Korrespon-
denz zuständig. →BŌxtag [KNRb] dagegen, Schreiber des mowbed Kerdīr, stellt sich
selbst als Schreiber der Kerdīr-Inschrift von Naqš-i RaÔab vor. →Hormezd [ŠKZ paI
30] aber, Sohn des Schreibers Šilag, der nicht zum Hofstaat des Großkönigs ge-
hörte und wohl aus einer Familie mit langer Schreibertradition stammte, machte als
Übersetzer der parthischen Version der Šabuhr-Inschrift auf sich aufmerksam. Das
hohe Amt eines dibīrbed, des Hauptschreibers bzw. Kanzleichefs hatte
→???????????? [Petros Patrikios, Fragm. 14] inne; ihm oblag neben seiner Funk-
tion als argbed (Leiter der obersten Steuerbehörde) bei den Friedensverhandlungen
von Nisibis (298) außerdem die schriftliche Fixierung des Vertragstextes. Zwei wei-
tere bekannt gewordene dibīrbeds sind der Hauptschreiber →Mard [ŠKZ III 18] zur
Zeit Ardašīrs I. und der oben erwähnte Hormezd, Sohn des Hauptschreibers
Hormezd, der wohl ebenfalls aus einer Familie mit alter Schreibertradition stammte.
L:
Quellen:
ŠKZ: M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran 1978. (AcIr.18.). - Ph.Huyse,
Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der Ka>ba-i Zardušt (ŠKZ). Bd 1-2. London 1999. (CII, P. III,
1,1,1-2.)
Turfanfragment M 267 b und M 314 (pa.): M.Boyce, A Catalogue of the Iranian manuscripts in Ma-
nichean script in the German Turfan Collection. Berlin (1960) 19; 22.(Deutsche Akademie der Wis-
senschaften zu Berlin. Institut für Orientforschung. Veröffentlichung.45.) - W. Sundermann, Mitte-
liranische manichäische Texte kirchengeschichtlichen Inhalts. Berlin (1981) 105ff. (Schriften zur Ge-
schichte und Kultur des Alten Orients. Berliner Turfantexte.XI.) - id., Studien zur kirchengeschichtli-
chen Literatur der iranischen Manichäer III. In: AltorF 14(1987) 41-107.
Ibn an-Nadīm, Mu
ú. Ibn Isúāq, Kitâb al-Fihrist. Hrsg. von G.Flügel. Halle 1(1871) 328. - The Fihrist
of al-Nadīm. A tenth - Century Survey of Muslim culture. B.Dodge, editor and translator. New York
2(1970) 776.(Records of civilization: Sources and studies.83.) - G.Flügel, Mani, seine Lehre und
seine Schriften. Aus dem Fihrist des .... bekannt unter dem Namen Ibn Abî Ja
>kûb an-Nadîm, im Text
nebst Uebers., Commentar und Index zum ersten Mal hrsg. Dresden (1862) 52; 85; 172. - Repr. Os-
nabrück 1969.
Manichäische Homilien (kopt.): Hrsg. von H.J.Polotsky. Stuttgart (1934) 48,2ff. (Manichäische
Handschriften der Sammlung A.Chester Beatty.1.)
Namen:
F.Justi, Iranisches Namenbuch. Marburg (1895) 7ff. - Repr. Hildesheim 1963. - Ph.Gignoux, Glos-
saire des inscriptions Pehlevies et Parthes. London (1972) 22; 50. (CII. Supplementary Series.1.) -
M.Back, s.o. - Ph.Gignoux, Noms propres Sassanides en moyen perse épigraphique. Wien (1986)
98, Nr. 448. (IPNB II,2.) - Ph.Huyse, Zum iranischen Namengut in Dura-Europos. In: AÖAW
125(1988) 27.
Amt:
H.H.Schaeder, Esra der Schreiber. Tübingen (1930) 47f. (Beiträge zur historischen Theologie.5.) -
Repr. Nendeln, Liechtenstein 1966. - Ebenf. abgedr. in: H.H.Schaeder, Studien zur orientalischen
Religionsgeschichte. Hrsg. von C.Colpe. Darmstadt (1968) 162 - 241. - A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the
pre-Islamic period. In: EncIr VI(1993) 534-37.
Person:
W.B.Henning, Neue Materialien zur Geschichte des Manichäismus. In: ZDMG 90 = N.F.15(1936) 9.
- Ebenf. abgedr. in: Der Manichäismus. Hrsg. von G.Widengren. Darmstadt (1977) 407. (WdF.168.)
und in: Selected Papers. Leiden Téhéran 1(1977) 387. (AcIr.14.) - id., Notes on the great inscription
of Šāpūr I. In: Prof. Jackson Memorial Volume. Bombay (1954) 54. - Ebenf. abgedr. in Selected Pa-
pers. Leiden, Téhéran 2(1977) 429. (AcIr.15.). - W.Sundermann, Studien zur kirchengeschichtlichen
Literatur der iranischen Manichäer III. In: AltorF 14(1987) 57.