Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Narseh_Prinz
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Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: FrauenNarseh, Prinz [wispuhr] [ŠKZ I 17]
B:
ŠKZ: mpI 26: W-nrshy ZY BRBYTA = ud Narseh ī wispuhr; paI 21: nryshw BRBYTA = Narseh
wispuhr; grI 49: ??? ???????? ???? ??? ?????????? ? Übers.: mp. und Narseh, dem Prinzen; pa.
Narseh, dem Prinzen; gr. und Narseh, den Prinzen.P:
Prinz Narseh
1
gehört zur erweiterten Familie →Šābuhrs I. und steht auf dem 17.
Rang in der Genealogie, die insgesamt 29 Familienmitglieder verzeichnet. Sein Titel
wispuhr/BRBYTA
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, weist ihn als Prinzen und Angehörigen der großköniglichen Fa-
milie aus. Ebenso wie dem zwei Ränge vor ihm plazierten Prinzen → PērŌz [ŠKZ I
15] fehlt Narseh das kennzeichnende Patronymikon, um seinen Platz in der Familie
des Großkönigs definieren zu können. Wer aber ist der Vater dieses Prinzen und in
welchem Verhältnis steht er zu Šābuhr I.? Bei einer solchen Unsicherheit ist es hilf-
reich, die Position des Prinzen Narseh in der Genealogie zu untersuchen.
Dem Prinzen vorangestellt sind die Söhne und Töchter Šābuhrs I. Im Anschluß an
den jüngsten Sohn, →Narseh, König der Saken, folgen seine Ehefrauen, → Šābuhr-duxtag [ŠKZ I 12], die Königin der Saken, und → Narsehduxt [ŠKZ I 13], die Herrin
der Saken. Mit der nachfolgenden → Čašmag [ŠKZ I 14], der Herrin, endet die en-
gere Familie des Großkönigs und es beginnt ein neuer Abschnitt innerhalb der Ge-
nealogie.
Diese Zaesur wird sichtbar in der nicht Protokoll gerechten Abfolge der Titel: auf
zwei Herrinnen folgen überraschenderweise zwei Prinzen, PērŌz und Narseh, zu-
sammen mit → *MurrŌd [ŠKZ I 16], der Mutter Šābuhrs I. Während Prinz PērŌz
durch das Zeugnis des Ibn an-Nadīm eindeutig als Bruder Šābuhrs I. belegt ist, kann
dies im Falle des Prinzen Narseh nicht mit Sicherheit angenommen werden.
1
Zum Namen des Narseh s. F.Justi, NB (1895) 222, Nr. 10. - M.Back, SSI (1978) 237, Nr. 228a. -
Ph.Gignoux, Noms propres Sassanides en moyen-perse épigraphique (1986) 134, Nr. 678. -
Ph.Huyse, ŠKZ 2(1999) 110 Anm. 182.
Bemerkenswert ist, daß insgesamt acht Persönlichkeiten mit Namen Narseh in der Šābuhr-Inschrift
vorkommen, davon tragen aber nur drei den Titel Prinz: neben dem hier besprochenen Narseh sind
dies Prinz →Narseh, Sohn des PērŌz [ŠKZ IV 8] und Prinz →Narseh, Sohn des Zīdspraxm [ŠKZ IV
9].
2
Zum Titel wispuhr s. E.Benveniste, Titres et noms propres en Iranien ancien (1966) 20-26.
2
Narsehs Name ist allein durch die Šābuhr-Inschrift bekannt. Entscheidend ist doch
wohl seine protokollarische Einordnung, zwei Ränge hinter PērŌz, dem Bruder
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des
Großkönigs und direkt nach *MurrŌd; diese Einstufung läßt vermuten, daß auch
Narseh ein Bruder Šābuhrs I. sein könnte. Träfe diese Annahme zu, so stünde im
Anschluß an die Familie des Narseh auf den Rängen ŠKZ I 15-17 eine kongruente
Gruppe von drei Personen, die der Familie Ardašīrs I. zuzuordnen wäre: *MurrŌd,
einer seiner Ehefrauen und Mutter Šābuhrs I., eingerahmt von zwei Prinzen, die
vielleicht auch ihre Söhne sein könnten.
L:
Quellen:
ŠKZ: M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran 1978. (AcIr.18.) - Ph.Huyse,
Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der
Ka>ba-i Zardušt. Bd 1-2. London 1999.(CII P.III, 1,1, 1-
2.) - Th.Nöldeke, Geschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sasaniden. Aus der arabischen
Chronik des Tabari, übers. und mit ausführlichen Erläuterungen und Ergänzungen versehen von Th.
Nöldeke. Leyden 1879. - Repr. Graz 1973.
Name/Titel:
F.Justi, Iranisches Namenbuch. Marburg (1895) 222, Nr. 10. - Repr. Hildesheim 1963. -
E.Benveniste, Titres et noms propres en Iranien ancien. Paris (1966) 20-26. (Travaux de l"Institut
d"Etudes Iraniennes de l"Université de Paris.1.) - M.Back, a.O. 237, Nr. 228a. - Ph.Gignoux, Noms

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F.Justi, M.Sprengling und W.B.Henning hielten die Prinzen PērŌz [ŠKZ I 15] und Narseh [ŠKZ I
17] für Brüder Šābuhrs I.: F.Justi, NB (1895) 222, Nr. 10: "Narsī, Bruder des Sapor I und Vater der
Du?tnŌš (NŌša), mit welcher Daizan von
îadr (Hatra) eine Tochter erzeugte, die später ihren Vater
an die Perser verrieth; 247, Nr. 12 [zu PērŌz, Bruder Šībuhrs I.]. - M.Sprengling, Shahpuhr I, the
Great on the Kaabah of Zoroaster(KZ) (1940) 393: ŒThe royal Princes, who as Nos. 14 and 16 flank
the queen mother, are known to us as Shahpuhrs brothers. - W.B.Henning, Notes on the great
inscription of ŠīpČr I (1954) 46: ŒNarseh, the Prince ... brother of ŠīpČr I whose daughter Du?tnŌš
(Dinawari) or AnŌšak (Firdausi: NŌša) was abducted by "ëaizan", the king of îatra (see Nöldeke,
Tabari, p. 36, n.1.)". - A.Maricq sprach sich nur unter Vorbehalt für eine Identifizierung des Prinzen
Narseh mit einem Bruder Šābuhrs I. aus: Res Gestae Divi Saporis (1958) 334: "Narsès est un frère
de Sapor I
er
; Dīnawarī, p. 50 éd. Guirgass; cf. Justi, op.cit. p. 222, n
o
10. Parenté probable (voisinage
de Pérôz), non certaine".
Auf den ersten Blick verwirrend ist der Hinweis Th.Nöldekes [Tabari (1879) 36 Anm. 1] auf eine Per-
sönlichkeit mit Namen Narseh in der Eroberungsgeschichte îatras bei Dīnawarī [Abū
îanīfa ad-
Dînaweri, Kitāb al-aAEbār a'-'iwāl. Vol. 1: Text. Ed. V.Guirgass. Leide (1888) 50,12-14]. Danach hatte
a
è-ëaizan, der König von îatra, eine Nichte Šābuhrs, DuAEtnūs, die Tochter des Narseh
gefangengenommen. Daß es sich hier nicht um den Prinzen Narseh [ŠKZ I 17] der Šābuhr-Inschrift
und um einen Bruder Šābuhrs I. handeln kann, wie F.Justi, M.Sprengling und W.B.Henning
annahmen, erklärt sich aus dem historischen Umfeld, da
$abarī und Dīnawarī diese Ereignisse
zeitversetzt in die Ära Šābuhrs II. transponierten: fa-§āra ilā <
è-ëaizan al-|assānī, fa-úā§arahu fī
madīnatihi <l-latī >alā šā'i< al-Furāt, mimmā yalī <r-Raqqa, wa-za>amū <anna ibnat aè-ëaizan wa-
<smuhā Mulaika wa-za>amū <anna <ummahā >ammat Sābūr DaAEtanūs ibnat Narsī ... Übers.: und
er [Šābuhr] zog gegen <a
è-ëaizan, den |assāniden, und belagerte ihn in seiner Stadt, die am Ufer
des Euphrat, in der Nachbarschaft von ar-Raqqa liegt; und man behauptet, daß die Tochter von <a
è-
ëaizan - ihr Name war Mulaika - und man behauptet, daß ihre Mutter Šābuhrs Tante väterlicherseits
war, Da
AEtanūs [s. auch die Variante im textkritischen Apparat: Anm. f) L DuAEtanūs], Tochter des
Narsī... - Die Eroberungsgeschichte
îatras kann ferner wegen ihrer legendenhaften Züge und dem
häufigen Namenwechsel ihrer handelnden Personen im Laufe ihrer Überlieferungsgeschichte in der
arabischen und persischen Literatur nicht als historische Quelle angesehen werden.
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propres Sassanides en moyen-perse épigraphique. Wien (1986) 134, Nr. 678.(IPNB II, 2.) -
Ph.Huyse, a.O. 2(1999) 110 Anm. 182.
Person:
M.Sprengling, Shahpuhr I, the great on the Kaabah of Zoroaster(KZ). In: AJSLL 57(1940) 393. -
W.B.Henning, Notes on the great inscription of Šāpūr I. In: Prof. Jackson Memorial Volume. Bombay
(1954) 46. - Ebenf. abgedr. in: Selected Papers. Leiden 2(1977) 421. (AcIr.15.) - A.Maricq, Res Ge-
stae Divi Saporis. In: Syria 35(1958)334. - Ebenf. abgedr. in: Classica et Orientalia. Paris (1965) 37-
101. (Institut Français d"Archéologie de Beyrouth. Publication hors série.11.)