Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Mard
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Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: Frauen*Mard, Hauptschreiber [dibīruft] [ŠKZ III 18]
B:
ŠKZ: mpI 29: mrdw ZY dpywrpt = *Mard ī dibīruft (?); paI: m<rd dpyrwpt = *Mard dibīruft; grI 57:
Μαρδ διβιρουπτ. - Übers.: mp. und pa. [für] *Mard, den Hauptschreiber; gr. *Mard, (den) Haupt-
schreiber.P:
Der Hauptschreiber
1
*Mard
2
ist der erste Vertreter seines Berufsstandes, der in der
Šābuhr-Inschrift genannt wird
3
. Er nimmt den 18. Rang innerhalb der Gruppe der 31
Würdenträger im Gefolge →Ardašīrs I. ein. Im Hofstaat Königs →Pābag
s dagegen
findet sich noch kein Inhaber eines solchen Amtes. Nicht dibīr "Schreiber", sondern
dibīruft "Hauptschreiber", ist *Mards Amtsbezeichnung. Dieser Titel weist *Mard als
einen Würdenträger aus, der unter Ardašīr I. an der Spitze des königlichen Kanzlei-
wesens mit einer Anzahl von ihm untergeordneten Schreibern gestanden haben
muß. Protokollarisch gesehen rangiert er direkt hinter dem spahbed, dem Heerfüh-
rer. Dem Hauptschreiber *Mard folgen der "Zeremonienmeister", einige Persönlich-
keiten ohne berufliche Spezifizierung und eine Reihe von Würdenträgern, die mit der
Verwaltung am Hofe im engeren Sinne befaßt sind. Während der Regierungszeit
Ardašīrs I. (224-239/40 n.Chr.) war der Hauptschreiber *Mard mit der Leitung des
staatlichen Kanzleiwesens betraut.
Es dürfte angebracht sein, an dieser Stelle einige grundsätzliche Bemerkungen zu
Amt und Aufgaben der Schreiber im frühen Sāsānidenreich zu machen. Festzuhal-
ten ist: Aufschlußreichere Nachrichten über den exakten Aufgabenbereich der
Schreiber in dem sich stetig ausweitenden Verwaltungsapparat liefern erst Quellen
aus späteren Jahrhunderten. Diese Angaben können aber nicht vorschnell auf die
Verhältnisse des 3. Jahrhunderts n.Chr. übertragen werden. Insofern erfolgt not-
wendigerweise eine Beschränkung auf die Quellen des 3. Jahrhunderts n.Chr. Dabei
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H.H.Schaeder, Esra der Schreiber (1930) 47f. - A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the pre-Islamic period. In:
EncIr VI(1993) 534-37. - E.Khurshudian, Die parthischen und sasanidischen Verwaltungsinstitutionen
(1998) 159ff. - Zur Etymologie des Titels mpI dpywrpt und dpyrpt, paI dpyrwpt und dpyrpty, grI
διβιρουπτ und ???????????????? s. Ph.Huyses umfassende Behandlung der Frage in: ŠKZ 2(1999)
140f. - E.Khurshudian, a.O. 165f.2
Es fällt auf, daß der Name *Mard in drei unterschiedlichen Schreibweisen erscheint mp. mrdw, pa.
m"rd und gr. Мαρδ; s. Ph.Huyse, ŠKZ 2(1999) 139f.
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M.Back, SSI (1978) 231; 352. - Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 54; 2(1999) 139ff.
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ist zunächst festzustellen, daß die Übersetzung des Wortes dibīr "Schreiber" im heu-
tigen Sprachgebrauch den wirklichen Aufgabenbereich nur ungenügend wiedergibt.
Grundlage für den Aufbau des sāsānidischen Kanzleiwesens war die Jahrhunderte
alte Schreibertradition des Zweistromlandes. Sie setzte sich fort in achaimenidischer
Zeit und wurde auch von den Sāsāniden übernommen.
Aus den epigraphischen Quellen des 3. Jh.n.Chr. (im ersten Jahrhundert der Sāsā-
nidenherrschaft) sind die Namen von sieben Schreibern
3a
mit unterschiedlichen Auf-
gabenbereichen bekannt. Alle vier in der Šābuhr-Inschrift erwähnten Schreiber wa-
ren mit Sicherheit herausragende Funktionäre im Dienst des Königs der Könige,
sonst hätten sie weder diese ehrenvolle Erwähnung gefunden noch hätte →Šābuhr
I. für sie ein Opfer gestiftet. Welche Ausmaße die "Bürokratisierung' unter Šābuhr I.,
genommen hatte, zeigt sich in der Würdigung von gleich drei königlichen Schreibern.
Es sind dies der Hauptschreiber → Hormezd, Sohn des Hauptschreibers Hormezd
[ŠKZ IV 46], dann → Aštād, der Schreiber von Verträgen bzw. Briefen, aus Ray
[ŠKZ IV 56], und ferner der Schreiber → Hormezd, Sohn des Schreibers Šilag [ŠKZ
paI 30] , der für die parthische Version der Šābuhr-Inschrift verantwortlich war.
Aus zwei anderen Inschriften des 3. Jahrhunderts sind die Namen von zwei weiteren
Schreibern namentlich bekannt: → Afsā [ŠVŠ] aus der Stadt Hr
<n, der Šābuhr I. ein
Denkmal mit dazugehöriger Inschrift setzte, und → BŌxtag [KNRb], der Schreiber
des mowbed Kerdīr. Aus der Pāikūlī-Inschrift gegen Ende des 3. Jahrhunderts
n.Chr. ist schließlich der recht aufwendige Titel
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eines Schreibers bekannt, dessen
Namenszug jedoch nicht mehr lesbar ist: →Anonymus [NPi], er war Schreiber des
"Finanzministeriums': mp. št(r-<m<l) dp(yw)r; pa. hštr-<hmr SPRA
5
.
Daß die Aufgaben eines Schreibers sehr vielfältig sein konnten, zeigen die Tätig-
keitsmerkmale der zuvor erwähnten sieben Persönlichkeiten. Unter Ardašīr I. tritt
nur ein einziger Vertreter dieses Standes auf; er ist Hauptschreiber und damit Leiter
der staatlichen Kanzlei. Die drei Schreiber unter Šābuhr I. haben hingegen schon
differenziertere Aufgabenbereiche: neben dem obersten Leiter der staatlichen
Kanzlei ist die Tätigkeit eines Schreibers von Verträgen bzw. von Briefen überliefert.
Der dritte unter ihnen war für die parthische Version der Staatsinschrift an der Ka
>ba-
Zardušt verantwortlich. Wie selbstbewußt und reich die Schreiber sein konnten,
zeigt sich auch in der Person des Afsā aus Hr
<n, der es sich leisten konnte, zu Eh-
ren Šābuhrs I. ein Abbild mit dazugehöriger Inschrift in Bīšābuhr zu errichten. Als
Schreiber des mowbed Kerdīr gibt sich BŌxtag in der Inschrift von Naqš-i Ra
ìab zu

3a
Nicht berücksichtigt sind in diesem Zusammenhang hier die Schreiber aus Dura-Europos. Sie
werden aber später unter ihrem Namen aufzufinden sein.
4
H.Humbach/P.O.Skjaervø, NPi 3,1(1983) 42: mp. 16 C 10,05: št(r-<m<l) dp(yw)r. - id., a.O. 43,2: [...,
and ...] Secretary of the Finances; - id., a.O. pa. c 14,02 - c 15,02 hštr-
<hmr SPRA; - id., a.O. 126: štr-
<m<l, pa. hštr-<hmr "department of finance'.
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E.Herzfeld [Paikuli (1924)195, Nr. 429] wird der Hinweis verdankt, daß dieser Titel noch sieben
Jahrhunderte später im Gebrauch war. Der Schreiber Abū
>Abdallāh Muhammad b. Jūsuf al-Chwā-
razmī (10.Jh.) [H.H.Schaeder, ibid. (1930) 47] beschreibt in seinen Mafātī
ú al->ulūm das Kanzleiwe-
sen seiner Zeit; es gliederte sich in sieben Verwaltungsressorts, denen sieben Schreiber vorstanden.
Der entsprechende Titel lautete: šahr-hamār dipīr.- s. dazu auch A.Christensen, L"Iran sous les
Sassanides (
2
1944) 132ff. insbes. 135 und Anm. 1. - J.Markwart, Np. āđīna "Freitag" (1927) 99, Nr.
24.
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erkennen: er dürfte wohl zu den ersten Schreibern im Dienste der Magier gehört ha-
ben. Der nicht mit Namen bekannte Schreiber des "Finanzministeriums' aus der
Pāikūlī-Inschrift beendet die Reihe der namhaftesten Schreiber im 3. Jahrhundert
n.Chr.
L:
Quellen:
M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran, 1978.(AcIr.18.) - Ph.Huyse, Die
dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der Ka
>ba-i Zardušt (ŠKZ). Bd 1-2. London 1999. (CII Part III,
Vol. 1,1,1-2.)
Namen:
M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften s.o. - Ph.Huyse, Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I.
an der Ka
>ba-i Zardušt (ŠKZ) s.o.
Amt:
E.Herzfeld, Paikuli. Monument and inscription of the early history of the Sasanian empire. Bd 1-2.
Berlin 1924. - J.Markwart, Np. āđīna "Freitag". In: Ungarische Jahrbücher 7(1927) 99, Nr. 24.-
H.H.Schaeder, Esra der Schreiber. Tübingen 1930. (Beiträge zur historischen Theologie.5.) - Ebenf.
abgedr. in: H.H.Schaeder, Studien zur orientalischen Religionsgeschichte. Darmstadt 1968. -
A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the pre-Islamic period. In: EncIr VI(1993) 534-37. - E.Khurshudian, Die
parthischen und sasanidischen Verwaltungsinstitutionen nach den literarischen und epigraphischen
Quellen. 3. Jh. v.Chr. - 7. Jh. n.Chr. Jerewan 1998. - M.Shaki, Class system. III. In the Parthian and
Sasanian periods. In: EncIr V(1992) 652-58.