Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Kerdir_Sohn
1
Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: Frauen
Kerdīr, Sohn des Ardawān [ŠKZ IV 61]
B:
ŠKZ: mpI 35: kltyl <
rtw<n = Kerdīr Ardawān; paI 28: krtyr <rtbnw = Kerdīr Arda?ān; grI 67:
??????? ????????? Übers.: mp. und pa. Kerdīr, den Sohn des (?) Ardawān; gr. Kerdīr, (den Sohn)
des Ardawān.
The Manichaean Coptic Papyri in the Chester Beatty Library. Vol. I: Kephalaia. Facsimile Edi-
tion by S.Giversen. Geneva (1986) Pl. 275:
Übers.: Dann war da ein Mann an jenem Ort, [der ...] des Königs, dessen Name Kardel ist, der [Sohn
des Arta]nba(sic), der zum Lande der Malaner gehört. Er sprach [zu] (15) König [Schapur]: "Ja doch,
es gibt hier einen Menschen, der groß ist ... ... großer Name bei mir". Sprach (?) ... Kardel, Sohn des
Artaban: "Der Manichaios und (?) auch (?) ... Königreich ... ... (20) er hat über ...gesiegt".
Sprach König Schapur zu Kardel, Sohn des Artaban: "Wenn du ... ... und der Manichaios [vorbei-
kommt(?)] und ich(?) ihn kennenlerne, ... und du kommst und informierst mich über die Art wie er
es/ihn ..."
<Sprach Kardel, Sohn des Artaban>: "[Ich werde] tun wie du es wünschst, [ich] werde ihn(?) geben ...
... (25) Kardel, Sohn des Artaban, ... ... (27) ... Jodasphes(?) ... ... [ein(?)] Katechumen ... ... (p. 402)
... mein Herr Mani ... er kam und ging ... hinein. Kardel, Sohn des Artaban, erwies ihm seinen Re-
spekt und ließ ihn sich setzen auf ...
(
p. 406,16): Als Kardel, [Sohn des] Artaban, diese Worte hörte, die dem Apostel von [seiten] Jodas-
phes [zuteil wurden], da ... er ... ... jubelte(?) über ihn ... (20) König [Schapur] (?) ... der Manichaios ...
... Herr stellte sich hin(?) und wollte(?) ... ... seine Hand ... ... wegen(?) ihm und seiner (?)... ...
(25) Kardel, der Sohn des Artaban, berichtete [dieses] Wort ... dem König Schapur. Und er, der König
Schapur, ... und freute sich sehr. Er ... und er ... ... [Es gibt] einen einzigen Weisen ... in deinem Kö-
nigreich ...
(p. 408,9): Dann [sprach] König Schapur zu [ihm: "Von] heute [an] und [immerdar(?)] (10) ... ... dich
(?) nicht(?)... ... in [den...] meines Königreichs... ... dir.
Der Apostel segnete ... ... König Schapur, er ging... Übers. von Dr. W.-P.Funk nach brieflicher Mit-
teilung vom 20.XI.2001.
Turfantext M 3 (mp.): (15) xwdyc <w nhcyhr prnp¨n bwd (16) oo <wd
<c xwrn <wl <xys¨ (17)
<wš ds[t] >yw <br sg<<n (18) b<nb(y)šn <bgnd oo <wd yk (19) <br k(y)[r]dyr >y <rdw<ng<[n] <wd (20)
pr<c [<w] xwd<wn <md 00 <
[wš]1
. - Übers.: And he [Wahrām I.] stood up from his meal; and, putting
one arm round the queen of the Sakas and the other round Kardēr, the son of Ardavān, he came to
the Lord
2
.

1
Text in Transliteration nach W.B.Henning, Mani"s last Journey (1942) 949f.
2
Engl. Übers. nach J.P.Asmussen, Manichaean Literature (1975) 54f.
2
Turfantext M 6031 (pa.): (11) <dy<n qyr(d)[y](r) mgbyd (<)[d] (12) <dy<wr<n ky [pr](x)<št prw<n (13)
š<h
<nd[yš<d ] u rsk (14) [<]wd n(b)[yn ?
3
Übers.: Thereupon Kardēr the MŌbad planned with his
friends who served before the king, and ... jealous and cunning...
4
.
Manichäische Homilien (kopt.): Hrsg. von H.J.Polotsky.Stuttgart (1934) 45,9-23
5
.
Übers.: Er [Mānī] ging hinein nach Belabad, dem Ort der Passion, an dem der (Leidens)becher der
Apostel (?) gemischt worden ist. Als die Magier sie (die Leute) fragen hörten: "Wer ist denn das, der
eingetreten ist?" und [man] ihnen [sagte]: "Das ist Mani", - als sie dies vernahmen, da ... und wurden
voller Zorn. Sie gingen hin und klagten ihn bei Kardēr an. Kardēr sagte es dem Synkathedros. Dann
gingen sie zusammen hin und teilten die Anklage dem Großwesir mit. Der Großwesir wieder brachte
sie (die Anklagen) beim König vor. Als er sie vernommen hatte ..., da schickte er und ließ meinen
Herrn rufen. Am Sonntag betrat er Belabad. Am Montag wurde er verklagt. Am [Sonn]tag erteilte der
König einen Befehl seinetwegen und sandte (?) zum ihm
6
.
P:
Die Šābuhr-Inschrift erwähnt im Hofstaat →Šābuhrs I. zwei Würdenträger gleichen
Namens, zunächst → Kerdīr, den mowbed [ŠKZ IV 51], den berühmtesten Vertreter
des Zarathustrismus im 3. Jahrhundert n.Chr., danach Kerdīr, den Sohn des Arda-
wān [ŠKZ IV 61], auf einem niedrigeren Rang. Es steht fest, daß sich beide Persön-
lichkeiten nur den Namen teilen, ansonsten aber nichts miteinander zu tun haben
und daher nicht gleichzusetzen sind
7
.
Kerdīr, Sohn des Ardawān
8
, nimmt den 61. Rang in der Notitia dignitatum Šābuhrs I.
ein. Er ist weder durch einen Titel noch ein Epitheton näher gekennzeichnet. Da
aber Šābuhr I. für ihn ein Opfer gestiftet hat, muß er zu den Ersten des Sāsāniden-
reiches gezählt werden. Daß Kerdīr als einzige nähere Erklärung nur ein Patrony-
mikon erhielt, könnte auch darauf hinweisen, daß jede weitere Erklärung überflüssig
und der Leser der Inschrift über Genealogie und Herkunftsort Kerdīrs hinlänglich
informiert war.
Weitere Hinweise zur Person Kerdīrs und seiner Rolle am Hofe Šābuhrs I. enthält
das 338. Kapitel der bisher nur in einer Facsimile-Edition erschienenen Dubliner Ke-
phalaia
9
. Es handelt sich hier um einen der wenigen überlieferten Berichte einer Au-

3
Text in Transliteration nach W.B.Henning, a.O. 948. - s. auch M.Boyces Lesung in: A Reader in
Manichaean Middle Persian and Parthian (1975) 44,1ff.:
<dy<n *qyrdyr mgbyd, <d <dy<wr<n ky *prx<št
prw<n š<h, *<ndyš<d, <wd rsk <wd *nbyn...
4
Engl. Übers. nach J.P.Asmussen, a.O.55.
5
Der Text liegt mir nicht in Transkription vor.
6
Dt. Übers. in: Die Gnosis 3: Der Manichäismus. Unter Mitw. von J.P.Asmussen eingel., übers. und
erl. von A.Böhlig (1980) 95.
7
M.Sprengling, Third Century Iran: Sapor and Kartir (1953) 41. - W.Sundermann, Studien zur kir-
chengeschichtlichen Literatur III(1987) 60 Anm. 139. - M.Hutter, Mani und die Sasaniden (1988) 29.-
Dagegen hält H.-Ch.Puech (Le Manichéisme [1949] 51) den Kerdīr des Turfantextes M 3 für den
mowbed des Zarathustrismus.
8
Ph.Gignoux, Noms propres Sassanides en moyen-perse épigraphique (1986) 105f., Nr. 497 und
498. - Zum Namen Kerdīr: D.N.MacKenzie, Kerdir"s Inscription. In: Iranische Denkmäler, Liefg. 13,
Reihe II: Iranische Felsreliefs I. (1989) 61 § 1. - Ph.Huyse, ŠKZ 2(1999) 172ff.; zum Namen Ardawān:
id., a.O. 2(1999) 160 f.; vgl. die unterschiedliche Schreibung von Ardawān in der griechischen Version
der Šābuhr-Inschrift: ??????????? und ???????? s. ŠKZ: grI 63; 67.
9
The Manichaean Coptic Papyri in the Chester Beatty Library. Vol. 1: Kephalaia. Facsimile edition by
S.Giversen (1986) Pl. 275.
Dr. W.-P.Funk, Quebec, verdanke ich den Hinweis auf die Dubliner Kephalaia, ihre Überlieferung von
historischen Ereignissen und folglich ihre Bedeutung für eine Prosopographie der Sāsāniden des 3.
Jh.n.Chr., ferner auch die folgenden bibliographischen Angaben: M.Tardieu, La Diffusion du
3
dienz am Hofe Šābuhrs I.
10
Die Rede ist von → IŌdasphēs, einem hochgebildeten
Mann aus Indien, der den Gelehrten → Masukeos und → Gundēš im Sāsāniden-
reich weit überlegen ist. Während einer Audienz bei Hofe rühmt IŌdasphēs Šābuhr I.
als den "König der Könige, den Herrn einer Vielzahl von Ländern", kein anderer Kö-
nig sei größer als er und kein anderes Königreich sei dem seinen gleich; Šābuhr sei
reich an allen Dingen außer einem: er habe in seinem Königreich keinen, der sich
mit ihm messen und ihn besiegen könne. Während Šābuhr I. auf IŌdasphēs Fest-
stellung schweigt, ergreift →Kardel, Sohn des Artaban, der zum Volk der Malaner
gehört, das Wort und behauptet, daß es hier einen solch weisen Mann namens
→Mānī gäbe. Daraufhin lädt Šābuhrs I. Kardel ein, zusammen mit Mānī an den
Königshof zu kommen. Die folgende Szene spielt wohl nicht bei Hofe, sondern
vermutlich im Hause Kardels: hier stellt sich Mānī den Fragen des weisen IŌdasphēs
im Beisein von Gundēš und zahlreicher Adeliger. Die Disputatio über die Ewigkeit
des Kosmos endet mit einem Sieg Mānīs; IŌdasphēs, der Mānīs Weisheit und
Überlegenheit anerkennt, huldigt ihm als dem Buddha
11
. Kardel, Sohn des Artaban,
aber überbringt Šābuhr I. die Nachricht von Mānīs Sieg. Im Anschluß daran folgt
eine Unterredung zwischen dem Großkönig und Mānī, die im gegenseitigen
Einvernehmen endet. Obwohl die letzten Zeilen, die diese Begegnung überliefern,
bruchstückhaft erhalten sind, bezeugen sie dennoch Šābuhrs großes Wohlwollen
gegenüber Mānī
12
. Damit ist auch die Überlieferung der parthisch-manichäischen
Texte M 267 b und M 314 (→ PērŌz, Prinz [ŠKZ I 15]), die von Schutzbriefen
Šābuhrs I. zugunsten Mānīs handeln, durch die koptischen Kephalaia aus Dublin
eindeutig bestätigt worden.
Auch wenn der Text dieses Kapitels hagiographische Züge aufweist und vornehm-
lich auf die Rolle Mānīs hin abgefaßt ist, so können die Angaben zur Person Kerdīrs,
Sohn des Ardawān
13
, doch als historisch sicher angenommen werden. Danach ge-
hörte Kerdīr als Würdenträger am großköniglichen Hof zum unmittelbaren Umkreis
Šābuhrs I. In welcher Funktion er hier tätig war, läßt sich auf Grund der schadhaften

Bouddhisme dans l"empire Kouchan, l"Iran et la Chine, d"après un kephalaion Manichéen inédit. In:
StIr 17(1988) 153-82. - A.Böhlig, Neue Initiativen zur Erschließung der koptisch-manichäischen Bi-
bliothek von Medinet Madi. In: ZNW 80(1989) 240-62. - W.- P.Funk, Zur Faksimileausgabe der kopti-
schen Manichaica in der Chester-Beatty-Sammlung, I. In: Or 59(1990) 524-41. - Nach Dr. W.-
P.Funks brieflicher Mitteilung wird Kerdīr an folgenden Stellen der Dubliner Kephalaia erwähnt:
Kardel, Sohn des Artaban: 2Ke 401:13; 17; 21; 25; 2Ke 402:2; 2Ke 403:20; 2Ke 406:16; 25; 2Ke
415:21; 2Ke 450:9; 2Ke 371:3.
Herzlichen Dank schulde ich Dr. W.-P.Funk ferner für die Übersetzung des 338. Kapitels der Dubliner
Kephalaia, das sowohl für die Sāsānidengeschichte als auch für die manichäische Forschung von
Bedeutung ist.
10
W.-P.Funk, Zur Faksimileausgabe der koptischen Manichaica in der Chester-Beatty-Sammlung, I
(1990) 529: "Das Vorhandensein von Schilderungen des bisher literarisch so karg bezeugten
Empfangs am persischen Hof - ausgerechnet in einem Kephalaiaband - kann geradezu als sensa-
tionell angesehen werden".
11
Daß Mānī im Zentrum des Sāsānidenreiches, im Umkreis des Königshofes, die Buddhawürde zu-
gesprochen wird, mag im ersten Augenblick befremdlich erscheinen, erklärt sich aber doch wohl aus
der Herkunft des IŌdasphēs aus Indien.
12
s. unter B: S. 408,9: Dann [sprach] König Schapur zu [ihm: "Von] heute [an] und [immerdar(?)] (10)
... ... dich (?) nicht (?) ... ... in [den ...] meines Königreichs ... ... dir. Der Apostel segnete ... ... König
Schapur, er ging....
13
Kardel, Sohn des Artaban, des koptischen Textes ist mit Kerdīr, Sohn des Ardawān, in den mittel-
persischen und parthischen Texten gleichzusetzen.
4
Textstelle
14
im Dubliner Kephalaiatext wohl schwerlich ermitteln. Nicht ausgeschlos-
sen wäre eine Tätigkeit im Bereich des Zeremonienmeisters, eines Würdenträgers,
der die Audienzteilnehmer dem König vorzustellen hatte. Gegen diese Annahme
spricht aber Kerdīrs niedrige protokollarische Einstufung auf Rang 61, während
→Zīg, der offizielle Zeremonienmeister unter Šābuhr I., Platz 26 innehat. Seine
Zugehörigkeit zum Lande der Malaner aber kann vom Text her gesehen als sicher
angenommen werden. Wo aber ist das Land der Malaner zu lokalisieren? Als sehr
wahrscheinlich erweist sich E.Kettenhofens
15
unter Vorbehalt geäußerter Vorschlag,
daß Kerdīr aus Tall-i Malyān
16
in Fārs, dem Stammland der Sāsāniden, gebürtig sein
könnte.
Nahezu 14
17
Jahre nach Fertigstellung der Šābuhr-Inschrift (262 n.Chr.)
18
, in der
Kerdīrs Name zum ersten Mal erwähnt wird, taucht eine Person gleichen Namens
nun am Hofe →Wahrāms I. auf. Die Zeitspanne von ca. 14 Jahren erlaubt durchaus
eine Gleichsetzung beider Persönlichkeiten. Diese zweite Quelle ist ein in mittelper-
sischer Sprache verfaßter Turfantext M 3
19
, der ein unerfreuliches Gespräch zwi-
schen dem Religionsstifter Mānī und Wahrām I. wiedergibt. Dieses Gespräch fand
statt im Beisein von Kerdīr, dem Sohn des Ardawān, und der Königin der Saken.
Offensichtlich besaß Mānī nicht das Vertrauen Wahrāms I. Wie sehr die Stimmung
gegen Mānī ins Gegenteil umgeschlagen war, bezeugt ein in parthischer Sprache
überlieferter Text M 6031
20
; er berichtet von Maßnahmen der Magier gegen Mānī
unter der Führung des mowbed Kerdīr, der "vor dem Ratgeber des Königs Dienst
tat" (s. Anm.3).
Die Fortsetzung der Ereignisse sind der koptischen Kreuzigungserzählung in den
Manichäischen Homilien zu entnehmen
21
. Mānī steht hier einer ihm feindlich ge-
sinnten Magierschaft gegenüber, die letztlich seine Verurteilung und auch seinen
Tod betreiben. Grundlage für die Mißstimmung Wahrāms I. war die unerwartete

14
s. unter B: S. 401,12: Dann war da ein Mann an jenem Ort, [der ...] des Königs, dessen Name
Kardel ist, der [Sohn des Arta]nba (sic) ... Nach Dr. W.-P.Funks Lesung der verderbten Textstelle
ergibt sich folgender Wortbestand: von Kardels Titel sind die letzten fünf Buchstaben erhalten, die
letzten drei lauten -nat, wobei das t und die beiden ersten erhaltenen Buchstaben des Titels recht
unklar sind. - Eine Autopsie dieser Textstelle in der Chester Beatty Library durch Dr. S.G.Richter,
Münster, dem ich für seine Bemühungen und die Fotos herzlich zu danken habe, ergab, daß die Le-
sung des letzten Buchstabens "t" nun als gesichert gelten kann (laut brieflicher Mitteilung vom
17.4.2002).
15
Briefliche Mitteilung vom 3.XII.2001.
16
J.M.Balcer, Excavations at Tal-i Malyan. Part 2: Parthian and Sasanian Coins and burials
(1976)[1978] 86-92. - W.M.Sumner, Maljān, Tall-e (Anšan) (1987-90) 306-20. - Die Annahme, daß
Kerdīr ein Sohn des Ardawān von Dēmāwend (ŠKZ IV 27), der 34 Ränge höher plaziert ist, sein
könnte, kann wegen dieser Herkunftsangabe wegfallen.
17
Diese Ereignisse fallen in das letzte Regierungsjahr Wahrāms I. kurz vor Mānīs Tod: 276/77 n.Chr.
18
Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 10-14.
19
F.W.K.Müller, Handschriften-Reste in Estrangelo-Schrift aus Turfan, Chinesisch-Turkistan, II, An-
hang zu den APAW 1904 [1904] 80f. [Erstveröffentlichung]. - W.B.Henning, Mani"s last Jour-
ney(1942) 949 ff. [Überarbeitung]. - M.Boyce, A Reader in Manichaean Middle Persian and Parthian
(1975) 44f. [Transliteration]. - J.P.Asmussen, Manichaean Literature (1975) 54f. [engl. Übersetzung].
- Die Gnosis 3: Der Manichäismus (1980) 95f. [dt. Übersetzung] - s. auch W.Sundermann, Mittelira-
nische manichäische Texte kirchengeschichtlichen Inhalts (1981) 130f. [M 3 hier als Text 23].
20
W.B.Henning, a.O. (1942) 948f. [Erstveröffentlichung, engl. Übers.] - M.Boyce, a.O. (1975) 44
[Nachdruck] - J.P.Asmussen, a.O. (1975) 55 [engl. Übers.].
21
Manichäische Homilien. Hrsg. von H.J.Polotsky (1934) 45,9-23. - Die Gnosis 3: Der Manichäismus
(1980) 95.
5
Rückkehr des Religionsstifters Mānī von seiner letzten Missionsreise, die in Bē
¨
Lāpā' (Vēh-AndiyŌk-Šābuhr) für Aufsehen sorgte und unter den mowbeds großen
Zorn hervorrief. Denn Wahrām I. hatte geschworen, Mani nie wieder in sein Land
zurückkehren zu lassen
22
. In dieser Lage wenden sich die Magier von Vēh-AndiyŌk-
Šābuhr mit eine Anklage gegen Mānī an den [mowbed] Kerdīr (hier Kardel ge-
nannt)
23
. Nachdem dieser den Vorgang dem ????????????? seinem Kollegen, ge-
meldet hatte, gehen beide zusammen zur nächst höheren Instanz bei Hofe
24
, zum
????????? dem Ratgeber des Königs
25
. Durch ihn erhält Wahrām I. Kenntnis von der
Anklage gegen Mānī.
Nach der Überlieferung des Turfantextes M 3
26
erscheint Māni jetzt auf Befehl des
Königs in Begleitung von drei Jüngern am Königshof. Wahrām I., der gerade an der
Tafel sitzt, fordert Mānī auf zu warten. Nach dem Mahl verläßt Wahrām I. mit zwei
seiner Tischgenossen die königliche Tafel und geht mit ihnen zum wartenden Mānī
hinaus; es handelt sich um Kerdīr, Sohn des Ardawān, und um die Königin der Sa-
ken. Wie nahe sich diese drei Personen stehen und wie vertraut sie miteinander
umgehen, geht auf Wahrām I. zurück, der seine Hand sowohl auf Kerdīrs als auch
der Königin Arm legt. Dann gibt der König Mānī zu verstehen, daß er nicht willkom-
men sei und er große Vorbehalte gegen ihn hege. Das Gespräch endet in gegensei-
tiger Unversöhnlichkeit.
Der zweite Tischgenosse an der königlichen Tafelrunde neben Kerdīr ist eine nicht
mit Namen genannte Königin der Saken. Über ihre Identität ist in der wissenschaftli-
chen Diskussion viel gerätselt worden, so daß auch heute noch keine übereinstim-
mende Meinung besteht. Es bietet sich aber an, in ihr die durch die Šābuhr-Inschrift
bekannt gewordene → Šābuhrduxtag [ŠKZ I 12], Königin der Saken
27
, die Gattin
des Sakenkönigs Narseh, des späteren Großkönigs, zu sehen
28
. Von ihr zu unter-
scheiden ist eine zweite Persönlichkeit gleichen Namens [→ Šābuhrduxtag (2) ]
29
,
die Gattin →Wahrāms II., die auch auf Münzen zusammen mit dem Kronprinzen
und ihrem Gatten abgebildet ist.

22
W.B.Henning, Mani"s last Journey (1942) 950-51. - J.P.Asmussen, Manichaean Literature (1975)
54. - W.Sundermann, Studien zur kirchengeschichtlichen Literatur II(1986) 258.
23
Im koptischen Schrifttum erscheint Kerdīr als Kardel.
24
Die Gnosis 3: Der Manichäismus (1980) 95, 309 Anm. 99. - W.Sundermann, Iranische Lebensbe-
schreibungen Manis (1974) 142. - E.Khurshudian, Die parthischen und sasanidischen Verwaltungs-
institutionen (1998) 90-99. - Diese Textstelle beweist, daß der mowbed Kerdīr unter Wahrām I. noch
nicht die Machtfülle besaß, die er unter seinem Nachfolger erhalten sollte. Er war vielmehr gezwun-
gen, den vorgeschriebenen Dienstweg einzuhalten. Zwei Instanzen lagen zwischen ihm und dem
König, der ???????????? und der ?????????
Die beiden im koptischen Text vorkommenden Titel sind unterschiedlich gedeutet worden. W.Hinz
(Mani und Kardēr [1971] 489) erkannte im ???????????? den "Master of ceremonies" und im
???????? den "Marshal of the court", den er sogleich mit Kerdīr, dem Sohn des Ardawān, identifi-
zierte. - Für A.Böhlig (Die Gnosis 3: Der Manichäismus [1980] 309 Anm.99) ist der ????????????, der
Kollege, der hērbedān hērbed, des mowbed Kerdīr, der ???????? aber der Großwesir des Reiches,
hier in der Funktion eines Ratgebers des Königs. - s. auch W.Sundermann, Iranische Lebensbe-
schreibungen Manis (1974) 141f. - id., Studien zur kirchengeschichtlichen Literatur II(1986) 255 Anm.
31.
25
s. Anm. 3.
26
W.B.Henning, a.O. 949-50. - J.P.Asmussen, a.O. 55.
27
Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 50; 2(1999) 118.
28
A.Böhlig in: Die Gnosis 3: Der Manichäismus (1980) 319 Anm. 61.
29
J.Rose, Three Queens, two wives and a goddess (1998)42f.
6
Daß Kerdīr, Sohn des Ardawān, eine namhafte Persönlichkeit am Sāsānidenhof ge-
wesen sein muß, beweisen seine mehrfachen Erwähnungen. Für A.Böhlig besteht
auch kein Zweifel, daß Kardel, Sohn des Artaban, der Dubliner Kephalaia
30
identisch
ist mit dem Kerdīr des mittelpersischen Turfanfragments M 3. Auf Grund der Quel-
lenlage fällt die Lebenszeit Kerdīrs in die Regierungszeit von mindestens drei Groß-
königen: belegt ist sein Wirken unter Šābuhr I. durch die Dubliner Kephalaia und die
Šābuhr-Inschrift, die zweite und letzte Erwähnung im Turfantext M 3 ist in das letzte
Regierungsjahr Wahrāms I. kurz vor Mānīs Tod zu datieren, in das Jahr 276/77
n.Chr. Danach muß Kerdīr gesellschaftlich und protokollarisch einen steilen Aufstieg
erlebt haben. Daß er unter Wahrām I. zur königlichen Tafelrunde bei Hofe zugelas-
sen ist, beweist seinen hohen Rang
31
.
Die Frage nach seinem cursus honorum unter drei Herrschern aber muß letztlich
ungeklärt bleiben. Wegen seiner recht niedrigen Einstufung in der Šābuhr-Inschrift
(262 n.Chr.) auf dem 61. Rang von insgesamt 67 Würdenträgern, scheint Kerdīr
unter Šābuhr I. noch kein so herausragendes Amt innegehabt zu haben. Fest steht
jedoch, daß Kerdīrs Teilnahme an der königlichen Tafelrunde unter Wahrām I. die
Annahme rechtfertigt, in ihm einen der höchsten Würdenträger des Sāsānidenrei-
ches zu sehen. Letzte Klarheit über Kerdīrs Titel kann aber nur die verderbte
Textstelle der Dubliner Kephalaia erbringen.
Auffallend aber ist immer wieder Kerdīrs Nähe zu Mānī. So hat Kerdīr im Laufe
dreier Jahrzehnte unter drei Großkönigen, Šābuhr I., Hormezd I. und Wahrām I.,
Mānīs Aufstieg und Niedergang miterlebt. Er war nicht nur für Mānīs Einführung am
Hofe Šābuhrs I. verantwortlich, sondern mußte auch zusehen, wie Mānī unter
Wahrām I. in Ungnade fiel. Ob Kerdīr ein Anhänger Mānīs war, oder ob er sich unter
Wahrām I. der Gegenpartei anschloß, ist nicht überliefert.
L:
Quellen:
ŠKZ: M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran 1978. (AcIr.18.) - Ph.Huyse,
Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der Ka
>ba-i Zardušt (ŠKZ) . Bd 1-2. London 1999.(CII P.III,
1,1, 1-2.)
Dubliner Kephalaia (kopt.): The Manichaean Coptic Papyri in the Chester Beatty Library. Vol. 1:
Kephalaia. Facsimile edition by S.Giversen. Genf (1986) Pl. 275. (Cahiers d"orientalisme.14.) -
M.Tardieu, La Diffusion du Bouddhisme dans l"empire Kouchan, l"Iran et la Chine, d"après un kepha-
laion Manichéen inédit. In: StIr 17(1988) 153-82. - A.Böhlig, Neue Initiativen zur Erschließung der
koptisch-manichäischen Bibliothek von Medinet Madi. In: ZNW 80(1989) 240-62. - W.-P.Funk, Zur
Faksimileausgabe der koptischen Manichaica in der Chester-Beatty-Sammlung, I. In: Or 59(1990)
524-41. - A.Böhlig, Zur Facsimileausgabe der Dubliner Manichaica. In: Studia Manichaica. II. Intern.
Kongreß zum Manichäismus, St.Augustin/Bonn 1989. Hrsg. von G.Wießner und H.-J.Klimkeit. Wies-
baden (1992) 63-75. (Studies in Oriental Religions.23.)
Turfantext M 3 (mp.): F.W.K.Müller, Handschriften-Reste in Estrangelo-Schrift aus Turfan, Chine-
sisch-Turkistan, II, Anhang zu den APAW 1904. Berlin (1904) 80f.[Erstveröffentlichung]. -
W.B.Henning,
Mani"s last Journey. In: BSOAS 10(1942) 941-53. - Ebenf. abgedr. in: Selected Pa-

30
Neue Initiativen zur Erschließung der koptisch-manichäischen Bibliothek von Medinet Madi (1989)
251. - Ebenso: M.Tardieu, La Diffusion du Bouddhisme dans l'empire Kouchan (1988) 160. - W.-
P.Funk, Zur Faksimileausgabe der koptischen Manichaica in der Chester-Beatty-Sammlung, I(1990)
529.
31
Es ist verführerisch, A.Böhlig (Die Gnosis 3: Der Manichäismus [1980] 320 Anm. 62) zuzustimmen,
der mit Hinweis auf W.Hinz, (Mani und Kardēr [1971] 489), in Kerdīr, Sohn des Ardawān, den Groß-
wesir Wahrāms I. erkennen möchte.
7
pers. Leiden, Téhéran 2(1977) 81-93. (AcIr.15.)[Überarbeitung]. - M.Boyce, A Reader in Manichaean
Middle Persian and Parthian. Leiden, Téhéran (1975) 44f. (AcIr.9.) [Transkription]. - J.P.Asmussen,
Manichaean Literature. Delmar, New York (1975) 54f. (Persian Heritage Series.22.)[engl. Überset-
zung]. - s. auch W.Sundermann, Mitteliranische manichäische Texte kirchengeschichtlichen Inhalts.
Berlin (1981) 130f.(Schriften zur Geschichte und Kultur des Alten Orients. Berliner Turfantexte.XI.) [M
3 hier als Text 23].
Turfantext M 6031 (pa.): W.B.Henning, Mani"s last Journey. In: BSOAS 10(1942) 941-53. - Ebenf.
abgedr. in: Selected Papers. Leiden, Téhéran 2(1977) 81-93. (AcIr.15.)[Erstveröffentlichung] -
M.Boyce, A Reader in Manichaean Middle Persian and Parthian. Leiden, Téhéran, 1975. (AcIr.9.)
[Nachdruck des Textes] - J.P.Asmussen, Manichaean Literature. Delmar, New York 1975. (Persian
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Herkunft:
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