Ursula Weber: Prosopographie des Sāsānidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr.
Hormezd_Schreiber 2
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Vorwort Abkürzungsverzeichnis
Personenregister Orts- und Sachregister
Griechisches Wörterverzeichnis Karte des Sāsānidenreiches
ŠKZ I: Genealogie ŠKZ II: Hofstaat Pābags ŠKZ III: Hofstaat Ardašīrs I.
ŠKZ IV: Hofstaat Šābuhrs I. ŠKZ V: FrauenHormezd, Schreiber [dibīr], Sohn des Schreibers Šilag
[ŠKZ paI 30]
B:
ŠKZ: paI 30: dstnypyk ZNE LY <hwrmzd SPRA šylk SPRA BRY = Dast nibēg im man Hormezd
dibīr Šilag dibīr puhr. Übers.: Dies (ist) von meiner Hand niedergeschrieben (worden, von) Hor-
mezd, dem Schreiber, dem Sohn des Šilag, des Schreibers.P:
Der Schreiber Hormezd
1
, Sohn des Šilag, des Schreibers
2
, ist der dritte Vertreter
des Kanzleiwesens unter →Šābuhr I. Ihm war die Aufgabe übertragen worden, die
parthische Übersetzung des mittelpersisch abgefaßten Originaltextes niederzu-
schreiben. Hormezd war also nicht nur als Schreiber tätig, sondern trug auch die
Verantwortung für Übersetzungen aus dem Mittelpersischen in die zweite Staats-
sprache, das Parthische: "Dast nibēg im man Hormezd dibīr Šilag dibīr puhr = Dies
(ist) von meiner Hand niedergeschrieben (worden, von) Hormezd, dem Schreiber,
dem Sohn des Šilag, des Schreibers"3
. Mit diesem Kolophon endet die parthische
Version der Šābuhr-Inschrift, während sich die Schreiber der mittelpersischen und
griechischen Versionen nicht zu erkennen geben. Daß es sich hier um eine eigen-
mächtige Vorgehensweise des Hormezd handeln könnte, ist schwer vorstellbar.
Auch von der Inschrift des mowbed →Kerdīr [ŠKZ IV 51] in Naqš-i RaÔab ist die
gleiche Verhaltensweise des Schreibers bekannt: Hier lautet der Text des Kolo-
phons: "nipišt būhtak dipīr kartīr ē hwatāy = Written (by) Bokhtak [→BŌxtag] the
scribe (of) Kartir the lord"
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. Hervorzuheben ist jedoch, daß Šābuhr I. den für die
Übersetzung von offiziellen Staatsinschriften eingesetzten Hormezd nicht unter die
Würdenträgern seines Hofes einreihte, für die er ein Opfer stiftete.
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Zum Namen: F.Justi, NB (1895) 7f.: s.v. Ahura-mazdāh. - M.Back, SSI (1978) 194, Nr. 63a, 371. -
Ph.Gignoux, Glossaire (1972) 45. - id., Noms propres sassanides en moyen-perse épigraphique
(1986) 98, Nr. 448. - Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 63.
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H.H.Schaeder, Esra der Schreiber (1930) 47f. - A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the pre-Islamic period. In:
EncIr VI(1993) 534-37. - E.Khurshudian, Die parthischen und sasanidischen Verwaltungsinstitutionen
(1998) 159ff. - Allgemeines zum Amt des Schreibers → Mard [ŠKZ III 18].3
Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 63f. - M.Mancini, Bilingui greco-iraniche in epoca sasanide. In: Bilinguismo
e biculturalismo nel mondo antico. Atti del Colloquio interdisciplinare tenuto a Pisa, 1987. Pisa (1988)
92, Anm. 56. - Ph.Huyse, ŠKZ 1(1999) 63f.4
R.N.Frye, The Middle Persian Inscription of Kartīr at Naqš-i Rajab. In: IIJ 8(1965) 211-25; insbes.
219].
2
Hormezds Dienst im königlichen Kanzleiwesen beweist sein Namenszug unter der
parthischen Übersetzung der Šābuhr-Inschrift; gleichzeitig ist er ein Hinweis für sein
Wirken, das zeitgleich mit der Fertigstellung der Inschrift in den Jahren 262/63 n.Chr.
anzusetzen ist.
Nähere Erkenntnisse zur Person des Hormezd liefert sein Epitheton "Sohn des
Schreibers Šilag". Daß Vertreter des Kanzleiwesens aus Familien stammten, in de-
nen der Beruf des Schreibers von Generation zu Generation weitergegeben wurde,
geht auf eine Jahrhunderte alte Tradition im Orient zurück. Offensichtlich wurde
diese Tradition auch im Sāsānidenreich gepflegt, für die zwei der drei unter Šābuhr
I. bekannt gewordenen Schreiber
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beispielhaft sind.
Welche Aufgaben Hormezd bei der Redaktion der Šābuhr-Inschrift übernommen hat,
ist von einigen Forschern kontrovers diskutiert worden. Desungeachtet ist eine end-
gültige Klärung des Kernproblems, die Frage nach der Originalfassung und ihre Be-
deutung als Vorlage für die beiden anderen Versionen der Šābuhr-Inschrift, noch
nicht erreicht. Die Verdienste, die nach Meinung einiger Forscher Hormezd zuzu-
schreiben sind, sollen im Folgenden kurz skizziert werden. W.B.Henning geht davon
aus, daß Hormezd eine Kopie der mittelpersischen Originalfassung für seine Über-
setzung in die zweite Staatssprache der Sāsāniden vorgelegen habe. M.Back dage-
gen spricht sich für eine selbständigere Tätigkeit des Schreibers Hormezd aus: da-
nach habe er den Text der ihm vorliegenden Kopie der Originalfassung neu redigiert.
Dies sei auch der Grund gewesen, warum Hormezd recht selbstbewußt seine Lei-
stung in einem Kolophon festgehalten habe. Z.Rubin geht in der Bewertung von
Hormezds redaktioneller Tätigkeit sogar noch weiter. Er erkennt in Hormezd den
alleinigen Redaktor aller drei Versionen der Šābuhr-Inschrift. Ob drei, zwei oder nur
ein Schreiber an der Redaktion der Šābuhr-Inschrift beteiligt waren, wird trotz inten-
siver philologischer Forschung kaum endgültig zu klären sein
6
.

5
→ Hormezd, dibīrbed, Sohn des dibīrbed Hormezd [ŠKZ IV 46] und der oben besprochene Na-
mensvetter.
6
Eine kurze Diskussion des Forschungsstandes wird nachfolgend gegeben. -
M.Sprengling hält die parthische Version der Šābuhr-Inschrift für das Originalmanuskript, das auch
als einzige Version das Kolophon des Schreibers Hormezd trägt [From Kartīr to Shahpuhr I (1940)
331f. - Third Century Iran. Sapor and Kartir (1953) 2]. -
W.B.Henning ist dagegen der Meinung, daß es sich bei der mittelpersischen Version, der offiziellen
Sprache des Sāsānidenreiches, um die Originalfassung handelt. Von dieser Originalfassung habe
dem Schreiber Hormezd eine Kopie vorgelegen, nach der er seine parthische Übersetzung anfertigte.
Für die griechische Version der Šābuhr-Inschrift habe dieselbe Kopie der Originalfassung vorgelegen.
[A Farewell to the Khagan of the Aq-Aqatärān. In: BSOAS 14(1952) 501-22; insbes. 513f. - Ebenf.
abgedr. in: W.B.Henning, Selected Papers. Leiden, Téhéran 2(1977) 387-408; insbes. 399f.
(AcIr.15.)]. -
A.Maricq teilt W.B.Hennings Meinung, betont aber, daß es heute nicht mehr möglich sei, den ge-
meinsamen Archetypus aufzuspüren. [Res Gestae Divi Saporis. In: Syria 35(1958) 295-360; insbes.
297f. - Ebenf. abgedr. in: Classica et orientalia. Paris (1965) 37-101; insbes. 39f. (Institut Français
d"Archéologie de Beyrouth. Publication hors série.11.)]. -
M.Back geht davon aus, daß von der Originalfassung in mittelpersischer Sprache zwei Kopien in
mittelpersischer Kursivschrift erstellt wurden. Die eine Kopie sei an die "Steinmetzabteilung" für die
mittelpersische Version gegangen, die andere habe die "parthische Abteilung" der Staatskanzlei er-
halten. M.Back ist der Meinung, daß der Schreiber Hormezd den Text neu redigiert und diese Tätig-
keit demzufolge in seinem Kolophon ausdrücklich erwähnt habe. Damit billigt er dem Schreiber eine
große Selbständigkeit zu und wertet seine Bedeutung als Übersetzer der parthischen Version auf.
3
L:
Quellen:
ŠKZ: M.Back, Die sassanidischen Staatsinschriften. Leiden, Téhéran 1978. (AcIr.18.). - Ph.Huyse,
Die dreisprachige Inschrift Šābuhrs I. an der Ka
>ba-i Zardušt (ŠKZ). Bd 1-2. London 1999. (CII, III, 1,
1,1-2.)
Namen:
F.Justi, Iranisches Namenbuch. Marburg (1895) 7f.. - Repr. Hildesheim 1963. - Ph.Gignoux, Glos-
saire des inscriptions Pehlevies et Parthes. London (1972) 45.(CII. Supplementary Series.1) -
M.Back, s.o. - Ph.Gignoux, Noms propres Sassanides en moyen-perse épigraphique. Wien (1986)
98, Nr. 448. (IPNB II,2.) - Ph.Huyse, s.o.
Amt:
H.H.Schaeder, Esra, der Schreiber. Tübingen (1930) 47f.(Beiträge zur historischen Theologie.5.) -
Ebenf. abgedr. in: H.H.Schaeder, Studien zur orientalischen Religionsgeschichte. Darmstadt 1968. -
A.Tafazzoli, Dabīr. I. In the pre-Islamic period. In: EncIr VI(1993) 534-37. - E.Khurshudian, Die
parthischen und sasanidischen Verwaltungsinstitutionen nach den literarischen und epigraphischen
Quellen. 3.Jh. v.Chr. - 7.Jh n.Chr. Jerewan (1998) 159ff. -
Zur Redaktionsgeschichte der Šābuhr-Inschrift:
M.Sprengling, From Kartīr to Shahpuhr I. In: AJSLL 57(1940) 330-340; insbes. 331. - W.B.Henning,
A Farewell to the Khagan of the Aq-Aqatärān. In: BSOAS 14(1952) 501-522; insbes. 513f. - Ebenf.
abgedr. in: W.B.Henning, Selected Papers. Leiden, Téhéran 2(1977) 387-408; insbes. 399f. (AcIr.15.)
- M.Sprengling, Third Century Iran. Sapor and Kartir. Chicago (1953) 2. - A.Maricq, Res Gestae Divi
Saporis. In: Syria 35(1958) 295-360; insbes. 297f. - Ebenf. abgedr. in: Classica et Orientalia. Paris
(1965) 37-101; insbes. 39f. (Institut Français d"Archéologie de Beyrouth. Publication hors série.11.) -
M.Back, SSI (1978) 147-149. - D.J.MacDonald, The Genesis of the "Res Gestae Divi Saporis". In:
Berytus 27(1979) 77-83; insbes. 83. - M.Mancini, Bilingui greco-iraniche in epoca sasanide. Il Testo
di Šāhpuhr alla Ka>ba-yi Zardušt. In: Bilinguismo e biculturalismo nel mondo antico. Atti del Colloquio
interdisciplinare tenuto a Pisa, 1987. Pisa (1988) 75-99; insbes. 91f.; 92 Anm. 56. - Ph.Huyse, ŠKZ
2(1999) 191-201. - Z.Rubin, Res Gestae Divi Saporis: Greek and Middle Iranian in a document of
Sasanian anti-Roman propaganda. In: Bilingualism in ancient society. Language contact and written
text. Ed. by J.N.Adams, M.Janse and S.Swain. Oxford (2002) 267-297; insbes. 274f.

Weiter nimmt M.Back an, daß von diesem parthischen Text eine Übersetzung ins Griechische ge-
macht wäre. [SSI (1978) 147-149.] -
Auch D.J.MacDonald hält am Mittelpersischen als der Originalsprache der Šābuhr-Inschrift fest. Er ist
der Meinung, daß die mittelpersische Originalfassung in mittelpersischer Kursivschrift nicht mehr faß-
bar sei und keine der drei Versionen eine größere Bedeutung als die jeweils andere habe. [The Ge-
nesis of the "Res Gestae Divi Saporis". In: Berytus 27(1979) 77-83; insbes. 83]. -
M.Mancini vertritt die Meinung, daß der griechischen Version der Šābuhr-Inschrift nur die mittelpersi-
sche Version als Vorlage gedient habe. Daraus folgert er, daß sowohl der griechische als auch der
parthische Übersetzer unabhängig voneinander vorgegangen seien. [Bilingui greco-iraniche in epoca
sasanide. In: Bilinguismo e biculturalismo nel mondo antico. Atti del Colloquio interdisciplinare tenuto
a Pisa (1987[1988]) 75-99; insbes. 91f.; 92, Anm. 56.]. -
Ph.Huyse, der Herausgeber der Šābuhr-Inschrift, kommt zu dem Schluß, daß die Originalfassung der
Inschrift in der
Staatssprache des Sāsānidenreiches, dem Mittelpersischen, zu suchen ist. Von dieser
Originalfassung seien zwei mittelpersische Kopien in mittelpersischer Kursivschrift angefertigt wor-
den. Die erste Kopie habe als Vorlage für den Steinmetzen der mittelpersischen Version der Inschrift
gedient, die zweite habe Hormezd für seine Übersetzung ins Parthische gedient. Die griechische
Version gehe auf eine parthische Vorlage zurück. [ŠKZ 2(1999) 191-201]. -
Zuletzt hat sich Z.Rubin zu diesem schwierigen Problem geäußert. Z.Rubin hält Hormezd für den
alleinigen Redaktor aller drei Versionen der Šābuhr-Inschrift. [Res Gestae Divi Saporis: Greek and
Middle Iranian in a document of Sasanian anti-Roman propaganda (2002) 267-297; insbes. 274; 276-
77].